Inneres Heilwerden

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Noch einmal: Innere Heilung

Wolfram Kopfermann

Der folgende Beitrag möchte das Gespräch über die „Innere Heilung“ unter uns vertiefen und weiterführen. Es bezweifelt nicht die Notwendigkeit der Sache, plädiert aber für eine wirklich bibelorientierte Schau und Praxis.

Das Thema ist innerhalb der charismatischen Bewegung in den 70er Jahren aufgekommen. Es scheint, dass Agnes Sanford die erste war, die ausführlicher darüber gelehrt hat. Seitdem hat Innere Heilung  im Rahmen der Seelsorge der charismatischen Bewegung ihren Platz, es gibt eine Menge Bücher darüber. Psychologisch gesehen ist dieses Modell inzwischen überholt.

Vorbemerkungen

  1. Es gibt eine Vielzahl von Theorien, die sich damit beschäftigen, was Innere Heilung beinhaltet. Es gibt auch entsprechende unterschiedliche Gebetstechniken, wie man dabei vorgehen soll.
  1. Das Neue Testament – das mag viele überraschen – gibt keine Hinweise auf das Gebet um Innere Heilung. Dies Thema kommt in dieser Form im Neuen Testament nicht vor.

Diejenigen, die darüber Vorträge zu halten hatten, haben manchmal die sog. Antrittspredigt Jesu in Nazaret zum Ausgangspunkt genommen (Lk 4). Dort bezieht sich der Herr auf das Jesajabuch (Jes 61,1–2). Allerdings wird eine sehr schöne Textpassage bei Jesaja (Jes 61,1: „zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind“) bei Lukas 4 nicht direkt zitiert. Ich behalf mich manchmal damit zu sagen, dass ich Lukas zwar nicht wörtlich zitiert habe, aber gleichwohl die Stelle bei Jesaja in dem Text stehe, auf den sich Jesus bei Lukas bezieht. Diese indirekt mitgemeinte Aussage ­ „Heilen, die zerbrochenen Herzens sind“ ­ sei nun, so die weitere Argumentation, ein deutlicher Hinweis auf die von Jesus ausgeübte und damit auch von seiner Kirche auszuübende Innere Heilung. Mein Vorschlag ist, dass wir ehrlich sind und die Tatsachen nehmen, wie sie sind: Das Thema Innere Heilung kommt im Neuen Testament so, wie es in der Regel praktiziert wird, überhaupt nicht vor.

  1. Als Weiteres kommt hinzu, dass manche von uns mit Innerer Heilung eine psychologisch etwas naive Vorstellung verbunden haben. Sie haben sich in etwa folgendes gedacht: Wenn ein Körper heilt, z.B. eine Wunde in der Haut, dann wächst sie zu. Das ist ein fast automatischer Vorgang. Nun meinten sie, dass ein Heilungsvorgang in der Seele ganz ähnlich ablaufen müsste. Dabei gingen sie von der Vorstellung aus, die Seele sei so eine Art innerer Körper, vielleicht eher gasförmig oder immateriell. Durch eine „innere Verletzung“ habe die Seele sozusagen „Eindrückungen“ oder „Dellen“ bekommen. Wenn man nun für Innere Heilung bete, dann rühre Jesus die Seele an und heile diese Dellen oder Wunden oder Verletzungen. Hätten wir z.B. als Kind etwas Schlimmes erlebt, so würden wir zu Jesus sagen: „Lege doch deine Hand auf diese innere Wunde und heile sie.“

Aber diese Analogie ist unangemessen. Wir haben uns dabei durch ein Geschehen leiten lassen, das im körperlichen Bereich medizinisch klar zu beschreiben ist, das jedoch nicht auf psychisches Geschehen übertragen werden kann. Denn die Psyche ist anders strukturiert als der Körper.

  1. Ein Viertes kommt hinzu: Unter der Überschrift „Lasst uns um Innere Heilung beten“ kann man den „alten Menschen“ in unguter Weise am Leben erhalten. Man kann sich nämlich mit dieser Art der Seelsorge ständig mit der Vergangenheit eines Menschen beschäftigen, ohne ihm eine wirksame Hilfe für sein gegenwärtiges geistliches Leben zu geben.
  1. Noch ein fünfter Punkt erscheint mir wichtig. Die Kultur, in der wir leben, ist eine ausgesprochen wehleidige Kultur. Wir lieben es, uns mit unseren Schmerzen zu befassen.

Schmerzen sind natürlich Teil jedes Lebens. Jeder von uns ist verletzt worden. Das spiegelt sich in unseren Unterhaltungen wider. Wir sagen z.B.: „Das hat sehr weh getan.“ Damit bringen wir zum Ausdruck, dass sogenannte Verwundungen unserer Seele einen ganz wesentlichen Teil unserer Erfahrung ausmachen. Man muss sichjedoch klarmachen, dass in früheren Kulturen die Menschen sich nicht so viel mit sich selber beschäftigt haben. Darum nahm auch dieses Thema vermutlich nicht einen solchen Raum ein wie heutzutage.

Dies alles zusammen hat mich nachdenklich gemacht. Ich denke, wir sollten nicht aufhören, über Innere Heilung zu reden, dies aber in einer biblischen Weise tun.

Meine These, die ich im Folgenden näher entfalten möchte, ist im Grunde eine einfache: Innere Heilung ist eine spezielle Form der Buße; Buße aber heißt Umkehr. Mir geht es nicht darum zu bestreiten, dass Menschen sich verletzt fühlen; ich will gar nicht leugnen, dass Menschen sagen, meine Seele tut weh; ich will nicht die Tatsache des inneren Schmerzes bestreiten. Wer das tut, der lebt irgendwo jenseits der Wirklichkeit. Ich möchte auf den Boden der Bibel zurückkommen und im Blick auf Innere Heilung die Hilfen, die uns die Bibel gibt, wirklich ernst nehmen.

Ich glaube, dass sich von der Bibel her vier Prinzipien ergeben, die den größten Teil dessen klären können, was wir „innerlich heil werden“ nennen.

Vergebung

Das erste Prinzip heißt Vergebung. Bekanntlich gibt es viele Arten inneren Verletztseins. Das reicht von der Verstimmung über ein Übersehenwerden beim Verteilen von Aufgaben bis hin zu den psychischen Folgen eines sexuellen Missbrauchtwerdens, das ein neunjähriges Mädchen erleidet. Oder denken wir an die inneren Verletzungen, die ein in Gefangenschaft Gefolterter ertragen muss. Man war beispielsweise in einem Konzentrationslager der Nazis und hat erlebt, wie andere Menschen malträtiert oder getötet wurden, hat selber vieles durchgemacht und ist vielleicht gerade eben dem Tode entronnen. Das sind sehr tiefe Leiderfahrungen. Bei der Bewältigung dieser und anderer Leiderfahrungen ist die Vergebung von zentraler Bedeutung. Ich sage nicht, dass alle Spuren einer Verletzung sozusagen verschwinden, indem wir vergeben. Ich sage aber, dass Vergeben unabdingbar ist. Wenn Menschen fähig werden, ganz tief zu verzeihen, dann ereignet sich wesentliche Heilung.

Wenn ein Mensch, der vielleicht fünf Jahre in einem Gefängnis war und gefoltert wurde, hungern musste, in Einzelhaft war und in der Dunkelzelle, aus ganzem Herzen sagen kann: ich vergebe meinen Peinigern, ich vergebe den Auftraggebern meiner Peiniger – dann erlebt dieser Mensch tiefe Innere Heilung. Wenn eine Ehefrau, die von ihrem Mann verprügelt worden ist – das gibt es leider auch in Deutschland und gar nicht selten –, wenn Schüler, die einen Lehrer hatten, der sie zynisch überforderte, diesem wirklich vergeben, wenn der Lehrling, der nach dem Motto: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ sehr viel Demütigendes durchmachen mußte, vergibt; wenn wir dem vergeben, der uns eben mit brutalen Methoden den Job weggeschnappt hat, dann ist Innere Heilung geschehen.

Wir wissen aus dem Evangelium, dass Vergeben wichtig ist. Jesus hat das Vergeben so sehr betont, dass er die Jünger im Vaterunser ausdrücklich lehrt, den Vater zu bitten: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir unsern Schuldigem vergeben.“ Jesus macht deutlich, dass, wenn wir nicht verzeihen, Gott uns nicht vergibt. Jede menschliche Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft von sündigen Menschen; das gilt übrigens auch für die Kirche, das gilt für die „allerheiligsten“ Gruppen. Wir Menschen werden unaufhörlich aneinander schuldig durch Vergesslichkeit, durch Nachlässigkeit, durch Bosheit, durch unbewusste Rache, durch tausenderlei Reden und Handlungen. Wenn wir nicht eine Haltung entwickeln, aus der heraus wir Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr immer wieder neu verzeihen, dann werden wir dauernd mit Verletzungen zu tun haben, die nicht heilen können. Wir wissen, dass es sich hier um ein biblisches Prinzip handelt. Was ich jetzt betone, ist folgendes: Es ist auch ein Prinzip unserer seelischen Gesundheit. Ein Mensch, der nicht vergibt, wird grollen, er wird bitter sein, er wird zürnen, er wird Rachegefühle haben, und diese Rachegefühle, diese Bitternis, dieser Groll werden ihn negativ beeinflussen, an seiner Gesundheit zehren und einen Teil seiner Kraft wegnehmen, die er dann nicht mehr hat zur Bewältigung des Lebens.

Es genügt aber nicht, zu sagen: „Ja, ja, ich habe vergeben, vergessen wir das“ – wir müssen an den Punkt kommen, an dem wir wirklich tief und aufrichtig verzeihen, solange Vergebung üben, bis die Bitterkeit verschwunden ist. Die innere Verletzung ist auch dann noch als Erinnerung da, sie hat aber ihren Stachel verloren.

Im Grunde dürften wir keinen einzigen Tag abschließen, ehe wir uns nicht gefragt haben, wem wir heute vergeben müssten. Wir können uns unseren Verletzungen stellen, brauchen sie nicht zu verdrängen. Ein Christ ist ja nicht ein Mensch, der über allen Dingen steht und behauptet: „Mir macht das nichts aus.“ Ein Christ ist ein Wesen, das zugibt, dass es verletzlich ist.

Wenn Jesus sagt: wir sollen vergeben, dann bestätigt er damit, dass uns Unrecht getan worden ist, sonst hätte Vergeben keinen Sinn. Dieses geistliche Prinzip, von dem das Neue Testament so viel spricht, ist extrem bedeutsam für den Vorgang Innerer Heilung.

Es wäre also verfehlt, zu beten: „Jesus komm hinein in diese meine Verletzung und heile sie“ – ehe nicht zuvor dem Vergebung gewährt wurde, der uns verletzt hat.

Wenn wir mit Menschen um Innere Heilung beten, sollten wir sie anleiten, konsequent zu vergeben, und nicht zulassen, dass sie an dieser Stelle sich in Allgemeinheiten flüchten: „Vergeben ja, vergessen nie.“ Wir sollten auch nicht anerkennen, dass ein Mensch sagt: „Ich kann nicht vergeben.“ „Ich kann nicht vergeben“ heißt: „Ich bin zur Zeit nicht bereit zu vergeben.“ Wenn wir anerkennen, dass wir mit Jesus verbunden sind, dann gibt er uns die Kraft, zu vergeben.

Es ist wichtig, dass wir das Vergeben zu einer Sache des Willens machen und nicht in erster Linie zu einer Angelegenheit des Gefühls. Wenn Vergeben hieße, „ein warmes herzliches Gefühl dem Anderen gegenüber haben“, so könnten manche Menschen tatsächlich nie vergeben. Es ist aber gemeint, dass wir einen Willensentschluss fassen. Und den können wir, auch wenn unsere Gefühle ihm noch nicht folgen können, wirklich fassen. Wir können sagen: „Ich will, so aufrichtig ich es jetzt kann, vergeben.“

Ich habe oft eine Übung benutzt, bei der ich den Leuten sagte: „Stellen Sie sich jetzt vor, dass Sie im Geiste auf die Person zugehen, von der Sie verletzt worden sind; schauen Sie sie an und sprechen Sie ihr das Wort der Vergebung zu. Sie können das mehrere Tage hintereinander tun, Sie können immer wieder zu der Person in Ihrer Fantasie gehen und ihr sagen: ‚Ich möchte dich daran erinnern, ich habe dir gestern vergeben‘, und am nächsten Tag: ,Ich möchte es dir noch einmal sagen: Ich habe dir vorgestern vergeben und ich stehe immer noch dazu.‘“ Mit diesen Übungen können wir uns selber helfen, dass wir ganz aufrichtig sind und es nicht nur mit einem Lippenbekenntnis bewenden lassen. Wichtig ist aber noch etwas anderes: Wir sollten nie in der Realität zu einer betreffenden Person gehen und sagen: „Ich bin gekommen, um dir zu vergeben.“

Es könnte durchaus geschehen, dass unser Gegenüber erstaunt und ungehalten erwidert: „Ich finde es unverschämt, dass du mir vergeben willst. Ich weiß gar nicht, wie du darauf kommst, ich habe dir doch nichts getan.“ Es ist nicht angebracht, dass wir feierlich kommen und sagen, dass wir jemandem vergeben wollen. Wir tun es in unserem Herzen vor Gott, und das ist dann wirksam.

Wenn wir jemanden um Vergebung bitten, dann sollten wir allerdings hingehen oder schreiben oder telefonieren!

Vertrauen

Das zweite biblische Prinzip heißt Vertrauen.

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Röm 8,28). Gott will immer unser Bestes: Daher können wir vertrauen. Vertrauen heißt: Nicht sich selbst vertrauen, sondern dem himmlischen Vater vertrauen. Vertrauen ist ein Geschenk des Heiligen Geistes und es ist gleichzeitig ein Gebot: „Vertrau mir doch, ich bin der liebende, der fürsorgende Vater.“ Bei vielen Leiderfahrungen spielt ein Problem eine große Rolle – die bohrende Frage nach dem „Warum?“. „Warum musste ich dies durchmachen? Warum wird mir das angetan? Warum geht es mir nicht wie dem und dem und jenem?“ Auf diese bohrenden Fragen gibt es keine intellektuell befriedigende Antwort. Falls wir sie doch zu geben versuchen, nehmen wir Menschen nicht ganz ernst.

„Warum-Fragen“ beantwortet uns Gott nicht. Es gibt keine Stelle in der Bibel, an der Gott sagt, dass er sich in seinen Ratschluss hineinsehen lässt. Im Gegenteil, wir hören: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, eure Wege sind nicht meine Wege“ (Jes 55,8). Im Römerbrief, wo Paulus über das Schicksal Israels spricht, heißt es, „wie gar unerforschlich sind deine Wege“ (11, 13). Wir müssen anerkennen, dass Gott uns nicht in seine Gedanken Einblick gewährt. Er ist nicht verpflichtet und auch nicht bereit dazu.

Das heißt, dass unsere Lebensführung einerseits in seiner Hand liegt: alle Umstände unseres Lebens sind von Gott zugelassen; zugelassen – nicht unbedingt gewollt. Wir müssen unterscheiden zwischen Gottes Willen und seiner Zulassung. Gottes Wille ist Liebe, Versöhnung, Friede. Gottes Wille heißt z.B.: heile Familien. Es ist nicht Gottes Wille, dass ein neunjähriges Mädchen sexuell missbraucht wird. Gottes Wille ist nicht, dass Menschen in dunklen Gefängnissen gefoltert werden. Aber Gott lässt dieses alles zu.

Hier dennoch Gott zu vertrauen bedeutet, dass wir sagen können: „Herr, ich begreife nicht, warum dies und jenes so ist, warum dies und jenes so war, aber ich glaube, dass du, der Vater der Liebe, auch bei diesen Erfahrungen dabei warst. Ich gebe dir meine Fragen zurück.“ „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl – das macht das Herze still und friedevoll“, hat eine Dichterin des Pietismus gedichtet. Man kann es auch umgekehrt sagen: „Ich weiß nicht, warum das so war – in meiner Kindheit, mit diesen Eltern, mit unserer Armut, aber ich vertraue dir, dass du dies alles als Teil meines Weges zugelassen hast und dass es auch noch Ausdruck deiner Liebe war.“

Das ist sicherlich ein schwerer Schritt. Vielleicht muß ein Mensch erst viel Unterweisung bekommen und viel für ihn gebetet werden, bis er sagen kann: „Mein Gott, ich vertraue dir.“ Das kann er unter Tränen tun, aber tun muss er es.

Es kann ein Mann, der seine über alles geliebte Frau in jungen Jahren verliert, z.B. beten: „Vater, dies war der wichtigste Mensch in meinem Leben, und du weißt, was sie mir bedeutet hat; ich vertraue dir, dass auch hier deine Liebe nicht weggeblickt hat, sondern dass dieses Geschehen von deiner Liebe umschlossen war.“

Das ist biblische Wahrheit: Gott ist Liebe – sagt das Neue Testament. Gott ist Liebe. Und er ist es nicht bloß, wenn die Sonne scheint, wenn wir Erfolg haben und es uns gut geht, sondern er ist es in all seinem Handeln und all seinem Zulassen. Seine gute Hand. ist überall dabei. Wir können das meist erst nach einem schmerzhaften Geschehen erkennen. Dennoch ist es wichtig, dass wir auch unsere schweren Lebenswege als eine Zulassung der Liebe Gottes begreifen.

Annehmen

Das dritte biblische Prinzip heißt: Annehmen.

Es ist nötig, dass wir unsere Lebenserfahrungen – auch die schmerzhaften – annehmen. Dies ist wichtig zunächst aus psychologischen Gründen. Wenn ein Mensch mit seinem Leben oder einem Teil seines Lebens im Dauerkonflikt steht, kann er nicht gesund leben. Zum zweiten ist es notwendig aus dem Grund, den ich eben mit Vertrauen umschrieben habe. Wir müssen dahin gelangen, dass wir unsere Lebensumstände, die früheren und die heutigen, annehmen. Tun wir das nicht, so kommt es zu einer unaufhörlichen Reibung. Es ist, wie wenn ein Tier an seinen Ketten scheuert, bis das nackte Fleisch erscheint. Gott hat unser Leben so eingerichtet, dass wir immer neu Erfahrungen machen, die schmerzhaft sind. Und das wird so bleiben, bis Jesus wiederkommt.

Jesus entlässt uns nicht aus dieser Welt, sondern er gibt uns Kraft, darin zu leben. Das heißt aber auch, dass wir unsere früheren Erfahrungen, zerbrochene Freundschaften, gescheiterte Examina, berufliche Niederlagen, Arbeitslosigkeit usw. zunächst annehmen. Das ist ein aktiver Vorgang, kein passiver. Es heißt nicht, dass wir, wenn eine Freundschaft gescheitert ist, nicht eine neue suchen, es heißt nicht, wenn wir eine Arbeit verloren haben, dass wir nicht nach einer neuen suchen sollen – das meine ich nicht. Sondern dies, dass wir diese Erfahrungen als geschehene akzeptieren. Akzeptieren – das entlastet. Das heißt auch nicht, mit allem einverstanden sein, alles Negative positiv finden, sondern es heißt, die Realität ungeschminkt so anzunehmen, wie sie ist. Es gibt dazu keine sinnvolle Alternative.

Dies bedeutet dann beispielsweise, dass wir unseren leiblichen Vater akzeptieren. Wir können etwa sagen: „Ja, ich akzeptiere meinen Vater  – auch wenn er bereits tot ist –, so wie er ist (oder war). Gott hat es offenbar so gefügt, zugelassen, erlaubt und in diesem Sinne gewollt, dass er so war und nicht anders. Ich verwünsche ihn nicht mehr, ich meide ihn nicht mehr, ich akzeptiere ihn, im Glauben an Gottes Güte.“

Wir müssen unsere Vergangenheit und gerade die in ihr erfahrenen inneren Schmerzen irgendwann akzeptieren. Falls wir das nicht tun, können wir sie nur verdrängen, nur isolieren, aber sie werden nicht zu einer bewältigten Erfahrung. Dieses Verhalten ·des Annehmens gilt durch das ganze Leben hindurch. Unsere Kultur neigt dazu, dass wir Anspruchshaltungen entwickeln. Als Idealfall erwarten wir ein schmerzfreies Leben, wo uns alles Glück „am Frühstückstisch“ serviert wird: keine Konflikte, keine Probleme. Tritt ein geringer Schmerz auf, so greifen wir in die Schublade und holen eine von 27 Pillen heraus: Pille rein, Schmerz raus. Frust erscheint als etwas Schlimmes. Aber wieso sollen wir nicht frustriert werden? Wo in aller Welt steht geschrieben, dass Menschen keinen Frust erleben dürfen? Wo ist uns ein Leben ohne Enttäuschung zugesichert? Es sind typische Merkmale unserer Kultur, dass wir derart denken.

Dieses Annehmen bezieht sich aber auch auf unsere Gegenwart. Wir verletzen uns nämlich allergrößtenteils selbst immer neu, indem wir uns sagen, etwas sei unerträglich, entsetzlich, man könne uns das nicht zumuten usw. Das heißt, wir reagieren innerlich mit Zorn. Dieser Zorn verletzt uns, wir verletzen uns damit. Uns sind jedoch durch Gottes Wort keine Privilegien zugesprochen worden, sondern das Leben nach dem Sündenfall mit all seinen Folgen – nachzulesen in 1Mose, Kapitel 3: ein Leben, in dem Kinder unter Schmerzen geboren werden, in dem Männer ihre Frauen nicht genug ehren und umgekehrt, das geprägt ist durch immerwährende Konflikte. Doch ein wesentlicher Teil dessen, was Jesus uns schenkt, ist eine neue Fähigkeit, die Wirklichkeit zu akzeptieren. Das heißt mit einem nicht sehr schönen Wort: Frustrationstoleranz. Soweit das dritte Prinzip.

Zurückweisen

Das vierte biblische Prinzip heißt: Zurückweisen.

In der Bibel spielen die Gefühle eine sehr untergeordnete, aber die Gedanken eine sehr große Rolle. Alle Versuchungen treten auf in Form von Gedanken oder Bildern. So äußert die Schlange im Paradies Gedanken („Sollte Gott gesagt haben?“).

Diese Gedanken macht sich Eva zu Eigen, dann kommen ihre Gefühle hinterher; sie sah den Baum an und fand, es sei eine Lust, von ihm zu essen. Am Anfang stehen die Gedanken, die Sätze; wir sagen heute: die Kognitionen. Als Jesus in der Wüste ist, tritt Satan an ihn heran – die Versuchung tritt an ihn heran –, und die Versuchung kommt in Form von Gedanken: „Mach aus Steinen Brot, spring von der Zinne des Tempels herunter, bete mich an.“ Und Jesus weist sie zurück, wiederum mit Gedanken, mit Sätzen, mit Worten: „Hinweg, Satan!“ Er erwidert mit dem Wort der Bibel.

Die christliche Tradition, besonders die der Ostkirche, hat dies betont, dass die Versuchung in der Form von Gedanken kommt. Auch heute noch kommen alle unsere Versuchungen in der Form von Gedanken und nicht einfach, wie häufig vermutet wird, über den Körper, die Gefühle.

Das gilt z.B. auch für das Gebiet der Sexualität. Es ist nicht so, dass unser Körper uns zwingt, gewisse Dinge zu tun, sondern Sexualität spielt sich zumindesten zu 80% im Kopf ab, der Rest ist körperliche Reaktion. Das wird von einem Großteil der Psychologen bestritten. Die von vielen vertretene Triebtheorie, die hydraulische Theorie von Freud, ist jedoch anthropologisch nicht haltbar. Es gibt keine Beweise dafür, dass die menschlichen Triebimpulse sich gleichsam wie heißer Dampf entladen müssen. Der Mensch hat zwar auch Instinkte, aber diese sind kulturell überformt und müssen geistig verantwortet werden. Ein Hungergefühl z.B. stellt sich ein, das ist sozusagen die Triebdimension, aber wie wir damit umgehen, das ist uns überlassen; kein Hungergefühl kann uns zwingen, einen großen „Berg“ zu verschlingen und hinterher zu stöhnen, dass wir ein bisschen angesetzt haben. Wir können Nein sagen. Es gibt Beispiele dafür, wie Leute sich enorm in der Kontrolle haben, etwa vor Wettkämpfen oder weil sie ihrem Partner gefallen wollen. Sie bringen die größten „Opfer“ – so nennen sie das –, d.h., sie treffen eine Entscheidung, dass ihnen ihre Gesundheit oder ihre schlanke Figur wichtiger ist als der Appetit.

Versuchungen, das ist meine These, treten in der Form von Gedanken auf und wir können sie zurückweisen.

Innere Eide

Ich möchte das nun auf einen Punkt zuspitzen, nämlich auf ein Phänomen, das ich „innere Schwüre“ nenne. Wenn wir Verletzungen erleben, dann passiert es leicht, dass wir innerlich einen Eid ablegen. Wenn beispielsweise unser Vertrauen missbraucht wird, sagen wir zu uns selbst: „Nie mehr werde ich einem Menschen mein Inneres öffnen. Ich habe doch erlebt, wie ich dann ausgelacht wurde oder wie man meine Schwäche ausgenützt hat.“ Ich persönlich denke z.B., dass es in der Politik in unserem Land ein ungeschreibenes Gesetz gibt, nach dem sich nahezu alle Politiker richten. Es heißt: Gib niemals zu, dass du geirrt hast. Sag lieber, du seist missverstanden worden. Denn gibst du zu, dass du geirrt hast oder schwach warst, werden sie ihre Messer in diese Stelle stoßen. Das ist ein abgekartetes Spiel, das eigentlich ziemlich viel Kraft kostet. Aber wir machen Fehler, also könnten wir es eigentlich auch zugeben. Oder das neunjährige Mädchen, das ich bereits mehrfach erwähnte, schwört innerlich: „Lass dich nicht auf Männer ein. Denn die Männer sind Schweine, die immer nur das eine im Sinn haben. Sexualität ist schmutzig.“ Das ist natürlich falsch, das sagt uns die Bibel nicht, das sagt uns auch nicht die unbefangene  Wahrnehmung, aber dieser Mensch glaubt es ganz tief. Oder Menschen, die eine gewisse Ablehnung erlebt haben in frühen Jahren, laufen herum mit dem Empfinden, dass sie von allen abgelehnt werden. Wir verletzen uns durch solche inneren Festlegungen, Einstellungen oder Schwüre unaufhörlich selbst von neuem. Solche Menschen haben das Bewusstsein, sie seien eine einzige innere Wunde. Die Wahrheit ist, dass sie sich ständig selber wieder verletzen, z.B., weil sie sich nicht öffnen können vor andern. Sie haben es sich selber geschworen, sie würden sich nie öffnen und stattdessen lieber hinter einer Maske leben; sie sind ganz einsam und leiden ständig. Jetzt könnte man natürlich beten: „O Jesus, komm in mein Leben und heile meine Gefühle der Einsamkeit.“ Das ist nur nicht sehr ergiebig. Denn der Mensch müsste anfangen,  offen zu sein, sich anzuvertrauen, Risiken einzugehen, dann würde er auch wieder Kontakt zu Menschen haben. Was ich hier beschreibe, heißt biblisch „Erneuerung des Denkens“ ­ anakeiosis tou noos – (Röm 12,2). Gemeint ist, dass wir unser Denken von dem her bestimmen lassen, was Gott uns sagt. Die Folge davon ist, dass wir die alten Schwüre widerrufen, z.B. diese innere Sicht, dass Gott so ist wie mein liebloser Vater war.

In Christus neu

Ich sprach von vier biblischen Prinzipien, die es zu beachten gilt, wenn man innere Heilung erleben will. Sie alle gelten von einer Voraussetzung her, die ich besonders betonen möchte: Das Praktizieren der genannten vier biblischen Prinzipien geschieht unter der Voraussetzung, dass Christen eine neue Kreatur in Jesus Christus sind. Sie sind versetzt in Jesus Christus durch die Taufe und den Glauben, durch den Glauben und die Taufe, und sie sind nicht mehr Sklaven ihres alten Lebens. Ohne die Grundlage wird das Gebet um Innere Heilung zu einer Methode, die dazu dienen kann, den alten Menschen zu päppeln, sich fortwährend mit dem zu beschäftigen, was war, bevor wir unser Leben in Jesus Christus fanden.

Das aber bringt uns keine durchgreifende Hilfe. Alle genannten vier Prinzipien können wir ja nur leben, weil wir in Christus Jesus sind, d.h. seine Zuneigung, seine Kräfte haben. Zwar glaube ich, dass wir nach wie vor die Schmerzen von Menschen ernst nehmen müssen, dass wir aber im Bereich der Inneren Heilung nur weiter kommen, wenn wir diese biblischen Prinzipien beachten und nicht mehr so freihändig von Innerer Heilung reden, wie es oft geschehen ist.

Zuerst erschienen in: Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der evangelischen Kirche, Rundbrief 28, Juni 1988, S. 16-23. Überarbeitung 2016

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