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Wolfram Kopfermann

Wenn Christen die Gemeinde wechseln

Zum Umgang mit Gemeindetransfer

Dieser Artikel erschien erstmals in der Anfangszeit der Anskar-Kirche unter dem Titel „ …wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen“. Die Grundsätze, die er herausstellt, sind weiterhin gültig, sie helfen zu einem verantwortlichen Umgang mit den seelsorgerlichen Fragestellungen, die bei dem Wunsch nach einem Gemeindewechsel auftreten können.

Wie soll man diesen „Gemeindetransfer“ bewerten?

In den kommenden Jahren werden viele Gemeindeneugründungen in Deutschland stattfinden. Ein Vorgang, der in den meisten außereuropäischen Ländern völlig normal erscheint, wird bei uns mit erheblicher Verspätung an Dynamik gewinnen. Dabei ist mit starken Widerständen zu rechnen. Sie werden nicht nur von den Großkirchen, sondern in gewissem Umfang auch von den etablierten Freikirchen ausgehen. Wie immer in solchen Fällen wird es keine reine Sachdiskussion sein, die man da führen wird. Denn die neuen Gemeinden werden zum Teil lebendiger sein als die vorhandenen. Sie werden, auch wenn sie erklärtermaßen nicht darauf aus sind, Mitglieder von bestehenden Gemeinden abzuziehen, doch auf Christen innerhalb solcher Gemeinden anziehend wirken. Und zwar aus unterschiedlichen Gründen.

 

Gründe für einen Gemeindewechsel

a) Einige Christen aus bestehenden Gemeinden werden sich durch neue Gemeinden angezogen fühlen, weil sie einem „Geist der Kritik“ verfallen sind, der die eigene Gemeinde mit lauter Vorwürfen bedenkt und das Gute lieber „auswärts“ erwartet.

b) Einige werden den neuen Gemeinden zuneigen, weil sie in ihren bisherigen Gemeinden für sie wesentliche geistliche Wahrheiten nicht ausleben konnten. Das gilt z.B. für die Fälle, wo Gemeinden des klassischen evangelikalen Typs die regelmäßige Praktizierung der „korinthischen“ Geistesgaben in den Gottesdiensten nicht zulassen.

c) Einige werden aus bestehenden Gemeinden in neue wandern, weil sie sich aufgrund der Mentalität ihrer bisherigen Gemeinden dort nie ganz zu Hause gefühlt haben, es ihnen aber an Alternativen fehlte. Ihre Gemeinde war ihnen z.B. zu „bürgerlich“, geistig zu „anspruchslos“, zu „intellektuell“, zu „altmodisch“ in Stilfragen usw. Sobald dann ein gemeindliches Angebot vorliegt, das ihnen gemäßer erscheint, werden sie umsteigen.

d) Menschen werden auch aus einer alten in eine neue Gemeinde wechseln, weil sie keine Hoffnung mehr für ihre bisherige Gemeinde besitzen, dass diese erweckt, lebendig, missionarisch werden kann. Sie haben vielleicht lange gebetet, gekämpft und gelitten und sind dabei müde geworden.

Ehrlich sein und genau hinsehen

Wie soll man diesen Gemeindetransfer bewerten? Zunächst muss jede neue Gemeinde an dieser Stelle ehrlich sein. Gemeindewachstum durch Transfer ist, missionarisch gesprochen, zunächst Nullwachstum. Dennoch muss jede der vier genannten Möglichkeiten für sich bewertet werden.

a) Wer mit einem „Geist der Kritik“ von einer Gemeinde in die nächste geht, trägt Schuld mit sich herum. Er hat bisher schon gegen fundamentale Weisungen der Heiligen Schrift verstoßen, nämlich zu vergeben (Matthäus 6, 14; Kolosser 3, 13), einander anzunehmen (Römer 15, 7), andere Gläubige mitzutragen (Galater 6, 2).

Er brauchte nun eigentlich Menschen, die ihm zur Buße verhelfen. Tritt er mit der alten Haltung in eine neue Gemeinde ein, so wird sich der frühere Vorgang wiederholen. Denn auch die neue Gemeinde bietet ausreichend Stoff zur Kritik. Die Verantwortlichen der neuen Gemeinde sollten bei solchen Leuten sehr wachsam sein. Seelsorge hat hier Vorrang vor Gemeindewechsel.

b) Handelt es sich um ein Verlassen der bisherigen Gemeinde aufgrund der Treue zu einer erkannten geistlichen Wahrheit, z.B. einer Neubewertung der „charismatischen Frage“, so liegen die Dinge völlig anders. Jeder von uns kann nur dem Licht folgen, das ihm gegeben wurde. Dies gilt sowohl für Hirten in klassisch-evangelikalen Gemeinden, die etwa eine offene Ausübung der korinthischen Geistesgaben für unangebracht halten, als auch für Christen innerhalb solcher Gemeinden, die irgendwann angefangen haben, in solcher „Behinderung“ eine Schuld zu sehen. Diese Christen dürfen weder Druck auf ihre Hirten ausüben noch negativ über sie reden. Wenn sie sich innerlich nicht frei fühlen, sich ihren Hirten und deren Entscheidungen ganz unterzuordnen, müssen sie ihre bisherige Gemeinde verlassen, sowohl aus Gehorsam gegen die erkannten Wahrheiten als auch in Achtung gegenüber ihren bisherigen Hirten. Sie können dann in einer neuen Gemeinde besser wachsen und dienen.

c) Schwierig ist es für unsere deutsche kirchliche Mentalität, sich vorzustellen, dass Christen eine Gemeinde verlassen, weil sie sich dort dauerhaft nicht wohlfühlen. Je ernsthafter wir das Evangelium verstehen, umso schneller werden wir erklären, so etwas dürfe es einfach nicht geben, eine Gemeinde (auch eine freikirchliche ) müsse für alle ihre Mitglieder da sein, hier habe entweder die Gemeinde versagt oder der besagte Christ sei anspruchsvoll und fordernd, ihm gehe es eben nicht wirklich um Jesus Christus; in der Gemeinde dürften soziale Unterschiede keine trennende Rolle mehr spielen, weil „hier allzumal einer in Christus“ sei (Galater 3, 28 ).

Solche frommen Überlegungen werden – von Ausnahmen abgesehen – die Leute auf der Suche nach ihrer Gemeinde nicht ändern. Wenn wir Menschen gewinnen und nicht – an dieser Stelle! – dogmatische Prinzipien verfechten wollen, müssen wir dem Rechnung tragen, was Christen in dieser Hinsicht ersehnen. Das heißt: Wir werden in neuen Gemeinden Gläubige antreffen, die sich anderswo nicht wohlgefühlt haben, und: neue Gemeinden werden an bestehende oder entstehende Gemeinden wieder Mitglieder verlieren, die dort eher ein geistliches Zuhause erleben. Diesen Vorgang sollten wir solange begrüßen, wie er nicht zum Vorwand wird für Lieblosigkeit, Richten, Bitterkeit. Diese Christen werden in einer Gemeinde, die ihrem Typus nähersteht, besser wachsen, und das heißt auch eher dienstbereit werden. Je mehr unterschiedliche Gemeindetypen es geben wird, umso mehr kann unterschiedlichen Menschen gedient werden.

d) Schwierig ist es, wenn Leute erklären, ihre Gemeinde sei unlebendig oder tot und darum kämen sie zu uns. Hier muss offen und sorgfältig nachgefragt werden. Wehe uns, wenn wir uns schmeicheln lassen durch den direkten oder indirekten Hinweis, in unserer Gemeinde sei eben geistlich so viel mehr los, und eine solche Person dann simpel ermutigen, bei uns zu bleiben. Aber wahr ist auch: Es gibt reichlich viele Beispiele dafür, dass Menschen gegen viel Widerstand lange Zeit hindurch mit Gebet, persönlichem Zeugnis, praktiziertem Dienst um eine Erneuerung in ihrer Gemeinde gekämpft haben und dabei sehr müde geworden sind. Ich sehe heute keine überzeugenden Gründe mehr dafür, solche Leute zum Bleiben in der alten Gemeinde zu bewegen.

Zwei Regeln beachten

Angesichts all dieser Fälle liegt der Vorwurf in der Luft, wir würden „Schafe stehlen“. Damit muss man leben! Es könnte sogar sein, dass eine neue Gemeinde, um ihren Ruf zu schützen, erklärt, sie nehme niemals Leute auf, die schon Christen und demnach anderswo eingebunden gewesen seien. Ich würde eine solche Position für ausgesprochen unbarmherzig gegenüber Menschen halten, die bittend vor unserer Tür stehen. Allerdings ist die in diesem Artikel vertretende Position nur glaubhaft, wenn zwei Regeln nachprüfbar eingehalten werden:

  1. Niemals Menschen aus anderen christlichen Gemeinschaften oder Gemeinden aktiv für die eigene Gemeinde zu gewinnen suchen! Sie müssen, wenn überhaupt, bei uns anklopfen; niemals dürfen wir an ihrer Tür klingeln.
  1. Wenn Christen unsere eigene Gemeinde verlassen möchten, weil sie eine innere Führung in eine andere Gemeinde oder Kirche verspüren, dürfen sie kein Entsetzen, keine Vorwürfe, keine Seelenmassage oder irgendeine andere Art von Druck unsererseits spüren. Sie müssen fühlen, dass wir sie von Herzen freigeben. Für mich gibt es nur zwei Ausnahmen von dieser Regel: Ich muss da eine Warnung aussprechen, wo jemand in eine offensichtliche Sekte abwandern möchte oder aber wo er eine Gemeinschaft sucht, in der statt der Nachfolge Jesu die „billige Gnade“ gelehrt wird.

Zum Schluss wage ich eine Prognose. In dem Maße, wie immer mehr neue Gemeinden entstehen, wird es auch neue Konflikte geben, sogar im Miteinander der neuen Gemeinden. Je früher wir uns auf die veränderte Situation einstellen und die von der Bibel gebotene Haltung einüben, umso größer wird der Segen sein. Aber wir werden diese Lektion nur unter Schmerzen lernen.

aus: Aufbrüche. Geist – Erweckung – Gemeinde, Freundes-Brief der Anskar-Kirche,

Nr. 2, Dezember 1989/Januar 1990, S. 5-6

Wolfram Kopfermann

Wie können wir Einheit leben?

Leicht lässt sich erkennen, dass Jesus Einheit unter seinen Jüngern will. Zu Recht wird Christi Gebet wieder und wieder zitiert: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Andere neutestamentliche Stellen ließen sich anfügen. Es ist kein Ratschlag, sondern sein Gebot, dass wir Einheit leben.

Vielleicht habe ich nicht genug zugehört, so dass mir manche Meinungsäußerungen entgingen. Jedenfalls sind mir bis heute nur Leute begegnet,  die pro votieren – für Einheit, selbstverständlich. Strittig scheint der Weg dorthin zu sein. Im Hintergrund steht jeweils ein bestimmtes Bild gelungener Einheit.

Mir ist dieses Anliegen über Jahre sehr ans Herz gewachsen. Im Folgenden möchte ich – statt einer Abhandlung – wenige Gesichtspunkte zum Thema nennen.

1. Einheit gibt es nicht ohne Wahrheit

Wir bringen die Wahrheit meist mit Lehrfragen in eine enge Verbindung. Ich halte das für richtig. Wahrheit wird nicht nur „empfunden“: sie lässt sich auch formulieren. Dennoch ist die Erinnerung wichtig, dass das Neue Testament bei „Wahrheit“ nicht zuerst an eine Summe von Lehraussagen, sondern an eine Person denkt. Jesus ist die Wahrheit (Joh 14,6). Für unser Thema bedeutet dies: Einheit entscheidet sich zentral an der Stellung zu Jesus. Ich persönlich möchte darum mit allen Einheit leben, die Jesus Christus als Herrn und Erlöser kennen, anerkennen und bekennen. Dann bin ich mit ihnen im Zentrum eins.

2. Einheit gibt es nicht ohne Fremdheitserlebnisse

Wir alle lieben das Vertraute. „In Einheit verbunden“ fühlen wir uns am ehesten mit Gläubigen, deren „Sprache“, Frömmigkeitsstil, Bibelverständnis usw. uns heimatlich anmuten. Aber Jesu Jünger leben in vielen „Lagern“. Wir dürfen keine  Gräben ziehen, wo Gott es nicht auch tut.

3. Einheit gibt es nicht ohne Opfer

Manchmal bekommen wir es mit Christen zu tun, die Teilwahrheiten bestreiten oder gar bekämpfen, die uns persönlich wichtig sind, die unser Leben reich gemacht, für die wir vielleicht sogar gelitten haben. Das schmerzt! Wir möchten sie entweder zu unserer Sicht bekehren oder uns von ihnen zurückziehen, falls sie „resistent“ bleiben. Unglücklicherweise könnte es unseren Gesprächspartnern mit uns ähnlich gehen. Deshalb glaube ich, dass wir alle Machtansprüche aufzugeben haben.

4. Einheit gibt es nicht ohne Ehrlichkeit

Es scheint ein Widerspruch zu Punkt 3 zu sein, wenn ich jetzt sage: Wir brauchen eine brüderliche Streitkultur. Jedes „Lager“ hat nämlich ein Recht auf die ihm zugewachsenen Erfahrungen und Einsichten. Sie dürfen nicht in „Einheitsseligkeit“ untergehen. Sei deiner Überzeugung ganz gewiss und vertritt sie auch öffentlich. Aber tu es in einem Stil, der jederzeit erkennen lässt: Wer in dieser Sachfrage anders urteilt, aber in der Nachfolge des gekreuzigten und auferstandenen Herrn lebt, ist und bleibt dein Bruder. Reibungen gehören zur Familie, Ausschlüsse nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst unter dem Titel „Einheit leben“ in: Aufbrüche 3/93, Juni 1993, S. 1-2

Weitere Texte über Einheit leben:

  • Einheit Leben / Wolram Kopfermann

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Gepostet am

15. Juni 2016

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