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Geistliches Leben und Geschlechtlichkeit in neutestamentlicher Sicht

Wolfram Kopfermann

1. Geistliches Leben als Gehorsam gegenüber Jesu Wort

Der Heilige Geist bindet uns an das Wort und den Willen Jesu. Er macht Jesu Wort und Willen für uns verbindlich! Das ist das Ende unserer Autonomie, also eines selbstherrlichen Lebens, das unter dem Motto steht: ,,Ich tue, was ich will“ oder: „Herr, andere Bereiche sollst du gerne durchdringen und formen, aber lass mir doch diesen …“. Zum Beispiel: ,,Lass mir den Bereich meiner Geschlechtlichkeit zu meiner eigenen Verfügung“.

Mit dieser Verbindlichkeit ist das Ende des Subjektivismus proklamiert. Der Subjektivismus sagt z.B.: ,,Wenn ich das tue, von dem meine Gemeinde sagt, es sei falsch, aber ich fühle mich gut dabei und ich spüre nicht, dass da etwas zwischen Jesus und mir steht, dann kann das doch nicht verkehrt sein!“ Der Subjektivismus ist eine der größten Bedrohungen der heutigen Christenheit, eine Konsequenz des Humanismus. Die Wurzel des Humanismus ist der autonome Mensch. Aber das Christentum lehrt eben nicht: Im Mittelpunkt steht der Mensch, sondern: Im Mittelpunkt steht Gott! Da kann man sich nur entscheiden, ob man das eine oder das andere will. Wenn der Geist mich an den Willen Jesu bindet, dann frage ich nämlich nicht mehr mein Gewissen als letzte Instanz, sondern ich frage Jesus: ,,Was sagst du dazu?“

Ich möchte diesen Grundsatz kurz an drei Schriftgruppen des Neuen Testamentes aufzeigen: In den Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums sagt Jesus Christus, er werde den Geist senden, den Parakleten, und dieser Geist werde nun nicht etwas Neues bringen, etwas anderes, sondern er werde die Jünger erinnern an alles, was Jesus gesagt hat, ihnen dieses Wort aufschließen und lebendig machen, aber sie eben daran auch binden (vgl. Joh 14,25f; 16,12-14). Am Ende des Matthäus-Evangeliums steht der Missionsbefehl, der mit den Worten Christi beginnt: ,,Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde; darum geht hin, macht zu meinen Jüngern alle Völker!“ (Mt 28,18ff). Das ist der Oberbefehl: ,,Macht zu meinen Jüngern alle Völker!“ Damit dies geschehen kann, werden dann in diesem Text drei Anweisungen gegeben. Erstens: Ihr müsst hingehen. Zweitens: Ihr sollt sie taufen in den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Drittens: Ihr sollt sie anleiten, alles zu halten, was ich, Jesus, euch befohlen habe. Auch hier ist klar: Der Geist, in den hinein die Taufe geschieht, leitet dazu an, das ernst zu nehmen, was Jesus gesagt hat, sich unter sein Wort zu stellen. Weisen wir schließlich noch auf Paulus hin: Er hat ein Christentum gelehrt, das zutiefst bestimmt war vom Wirken des Heiligen Geistes. Paulus sagt aber eben nicht nur: „Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr nicht das Begehren des Fleisches erfüllen“ (Gal 5,16), sondern dieser selbe Paulus gibt der Gemeinde auch eine Fülle von Einzelgeboten und beruft sich, wo er kann, auf ein überliefertes Wort Jesu, des Herrn. Für Paulus besteht kein Widerspruch darin, sich vom Heiligen Geist leiten zu lassen und die Gebote Gottes ernst zu nehmen. So sagt er zum Beispiel Röm 8,4, Christus sei gekommen, damit die Forderung des Gesetzes erfüllt werde bei uns, die wir nach dem Geist leben. Nach Paulus sagt uns der Heilige Geist also nicht: ,,Das sind alte Gebote, ihr könnt sie vergessen!“, sondern; ,,Was in diesen alten Geboten gemeint war als bleibender Gotteswille, das gilt, das sollt ihr tun, und es ist bedrohlich für euer Christsein, dies zu ignorieren“.

Ein bekannter Exeget (H. D. Wendland) sagt: ,,Bei Paulus gibt es keinen Gegensatz zwischen Gebot und Geist. Der Geist ist eins mit dem Willen Gottes und macht diesen offenbar … Geist ohne Gebot musste geradezu zur moralischen Anarchie führen.“ Wir wissen ja, dass schon Paulus gegen die Einstellung vorgehen musste, die unter Berufung auf den Heiligen Geist behauptete: ,,Alles ist mir erlaubt!“

Mit all dem ist nicht gesagt, dass wir seufzen müssten unter dem Druck strenger und uns eigentlich überfordernder Gebote. Vielmehr können wir in der Kraft des Heiligen Geistes wirklich das tun, was Gott von uns will!

2. Grundaussagen Jesu zur menschlichen Geschlechtlichkeit

Gottes Ja zur menschlichen Zweigeschlechtlichkeit

Nach Mt 19,4 antwortet Jesus den Pharisäern: ,,Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und als Frau geschaffen hat?“ Dies ist eine grundlegende Aussage. Überspitzt gesagt bedeutet sie: Den Menschen gibt es nicht! Es gibt nur den Menschen in der männlichen und den Menschen in der weiblichen Ausprägung. Man trifft immer wieder Menschen, die nicht Ja gesagt haben zu ihrer Geschlechtlichkeit. Sie können nicht Ja dazu sagen, dass sie Mann sind, sie können nicht Ja dazu sagen, dass sie Frau, dass sie Mädchen sind. Seelsorger und Therapeuten haben oft zu tun mit Menschen, die ihr Geschlecht noch nicht angenommen haben. Dabei spielt die frühkindliche Prägung eine große Rolle. Manche Mütter lassen ihrer kleinen Tochter gegenüber immer wieder vorwurfsvoll durchblicken: Eigentlich solltest du ja ein Junge sein, aber nun können wir es auch nicht ändern, dass du nur ein Mädchen bist! Mancher Vater sagt: Nun habe ich keinen Sohn in meiner Familie! Dies muss bei dem Mädchen eine Wunde schlagen, die vielleicht nie wieder heilt. In seinem tiefsten Innersten setzt sich das Gefühl fest: Ich dürfte gar nicht da sein, ich müsste eigentlich ein Junge sein!

Halten wir also fest: Wir sind Männer und Frauen durch Gottes Schöpfungwillen, und wir sind dies vom Kopf bis zu den Zehen. Eine Frau ist wirklich etwas total anderes als ein Mann, in der Ehe, vor der Ehe, nach der Ehe. Und ein Mann ist etwas total anderes als eine Frau, in der Ehe, vor der Ehe, nach der Ehe. Diese Besonderheit, dass wir Mann und Frau sind, bestimmt alle unsere Lebensbereiche. Diese Besonderheit ist nicht nur eine Frage der Körpergestalt, sondern ist eine Prägung unseres ganzen Personseins. Wir sind männlich und weiblich nicht nur in unserem Leib, sondern auch in der Eigenart unseres seelischen Erlebens, auch in der Eigenart unserer geistigen Welt.

Ich meine jetzt hier nicht die alten Klischees für die Frau: Kinder, Küche, Kirche. Auch nicht das alte Klischee vom Mann, der „hinaus muss ins feindliche Leben“. Es gibt eine leidvolle Geschichte der Frauenemanzipation, und man muss schon sehr dumm und lieblos sein, wenn man darüber Witze macht. Wir Männer haben die Frauen wissentlich-unwissentlich über Jahrtausende verletzt – das verliert sich nicht von selbst. Dennoch müssen wir festhalten an einer durchgehenden Bestimmtheit durch unser Mann- und Frausein. Jesus sagt ein volles Ja zu dieser unserer geschlechtlichen Bestimmtheit. Wichtig ist an dieser Stelle, dass wir unterscheiden zwischen Geschlechtlichkeit und Sexualität. Diese stellt den körperlichen Anteil unserer Geschlechtlichkeit dar, deren körperliche Dimension. Während wir unsere Geschlechtlichkeit nie abstreifen können und sie ständig zum Ausdruck bringen, besteht durchaus keine Notwendigkeit und erst recht kein Zwang, unsere Sexualität auszuleben. Dies wird deutlich bei Jesus selbst und auch bei vielen „Heiligen“ in der Geschichte des Glaubens, die ehelos und ohne praktizierte Sexualität lebten. Wir können mit unserer Sexualität in jener Freiheit umgehen, die dem Menschen eigentümlich ist. Jesus sagt Ja zur Zweigeschlechtlichkeit, also zur Geschlechtlichkeit überhaupt. Aber er redet nicht von einem Zwang, dem man nicht entrinnen könne, von einem „Sexualtrieb“, den man entweder nur ausleben oder totschlagen kann (mit den verheerenden psychologischen Folgen, die solch ein „Totschlagen“ hat), ohne eine dritte Möglichkeit zu besitzen. Von dieser dritten Möglichkeit spricht ja Jesus deutlich bei Mt 19.12: Es gibt einige, die um des Himmelreichs willen ehelos leben.

Ehe als umfassende Lebensgemeinschaft

Ich möchte die zentralen Aussagen Jesu über die Ehe im folgenden Satz zusammenfassen: Jesus deutet die Ehe als eine totale, lebenslange Gemeinschaft eines Mannes und einer Frau.

Jesus war keineswegs der erste, der über die Ehe gesprochen hat. Schon das Alte Testament und auch die jüdischen Lehrer zurzeit Jesu haben gelehrt, was und wie Ehe sein soll. Jesus aber gibt nur seine – und damit Gottes! – Deutung des Wesens der Ehe: Sie ist eine totale Lebensgemeinschaft! Das ganze Menschsein eines Mannes ist engagiert in der Ehe, das ganze Menschsein einer Frau ist engagiert in der Ehe. Dies ist mit dem biblischen Satz gemeint: Die zwei werden ein Fleisch sein (Mt 19,5). Das Wort „Fleisch“ meint in der Sprache des Alten Testamentes nicht etwa den Leib im Unterschied zur „Seele“, sondern an vielen Stellen den ganzen Menschen, insofern er von Gott abhängig ist und wieder zu Gott zurückkehrt. Der Ausdruck „ein Fleisch“ meint deshalb nicht lediglich die menschliche Sexualität, nicht nur den Vorgang der Zeugung, auch nicht nur, dass Mann und Frau in ihrem Kind weiterleben. Vielmehr meint der Ausdruck: Aus zwei Personen wird eine Person! Dies bedeutet: Die totale Lebensgemeinschaft in der Ehe ist mehr als die Summe und Zusammenzählung zweier Leben. In diesem Falle gilt wirklich: eins und eins ist (wird) eins!

Wenn Jesus von dem „einen Fleisch“ spricht, zu dem Mann und Frau werden, dann meint er damit nicht nur die Einswerdung im sexuellen Akt. Er meint vielmehr, dass die beiden auch eins werden dürfen und sollen in ihrer Zuwendung, in ihrem Interesse füreinander in der Liebe, die sie sich schenken.

Die Ehe ist nicht nur eine totale, sondern auch eine lebenslange Gemeinschaft. Jesus anerkennt nur einen Trennungsfaktor, nämlich den Tod. Wenn ein Ehegatte stirbt, dann ist die Ehe durch den Tod aufgelöst. „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6).

In der Kraft des Heiligen Geistes können wir wirklich das tun, was Gott von uns will.

Schließlich betont Jesus, dass die Ehe die Gemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau ist. Er betont somit die Einehe. Im Alten Testament finden wir an dieser Stelle eine gewisse Offenheit. Die Mehrehe wurde nicht abgelehnt. Jesus aber erklärt: Gottes ursprünglicher und bleibender Wille ist die Einehe (Mt 19,8). Damit hat Jesus uns eine Tiefe des Verständnisses für die Ehe eröffnet, die nicht überboten werden kann. Eine Frau wird sich am tiefsten geachtet und angenommen fühlen, wenn sie in Gemeinschaft lebt mit einem Mann. Sie ist eben doch in bestimmter Weise herabgewürdigt, wenn sie diese Zuwendung teilen muss mit drei, fünf, zehn, hundert anderen Frauen.

Jesu Gebot als Schutz der Ehe

Jesus schützt uns und stabilisiert die Ehe, indem er die Ehescheidung und den Ehebruch schon in seinen feinsten Anfängen verurteilt. Jesus erklärt: ,,Ich sage euch: wer seine Frau entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch!“ (Mt 19,9).

Bei Matthäus findet sich ein Zusatz: ,,Es sei denn wegen Hurerei“ (19,9; sprachlich etwas anders 5,32). Es ist umstritten, ob Matthäus diesen Zusatz im Sinne Jesu gemacht oder ob Jesus selbst so gesprochen hat. Dies ist eine Spezialfrage der Exegeten. Für uns ist wichtig: Durch Hurerei ist die Ehe bereits getrennt. Insofern liegt die scheinbare Aufweichung in dem Zusatz jedenfalls auf der Linie der Auffassung Jesu: Er untersagt die Ehescheidung, und er untersagt auch den Ehebruch (Mk 10,10-12; Lk 16,18).

Für Jesus beginnt der Ehebruch mit dem begehrlichen Blick (Mt 5,28). Nun hören wir ja mit Recht aus diesen Worten eine gewisse Härte heraus. Darf ich einmal die andere Seite betonen: Jesus schützt und stabilisiert die Ehe, indem er so spricht; hinter seiner Härte verbirgt sich eine tiefe Hilfe. Damals, zur Zeit Jesu, gab es zwei Rabbinatsschulen, die Schule des Rabbi Schammai und die des Rabbi Hillel, die unterschiedlich über Ehescheidungsgründe lehrten. Rabbi Schammai vertrat eine strengere Auffassung. Er lehrte seine Schüler, dass eine Ehescheidung nur dann akzeptiert werden könne, wenn ein erwiesener Ehebruch vorliege. Damit hat er einer Stabilität der Ehe das Wort geredet. Es ging damals um die Auslegung eines alttestamentlichen Wortes: Wenn eine Frau das Wohlgefallen ihres Mannes nicht erlangt, weil er etwas Widerwärtiges an ihr entdeckt, schreibe er ihr einen Scheidebrief (5 Mose 24, 1). Dieses „Widerwärtige“ war für Schammai erwiesener Ehebruch.

Die andere Schule, die des Rabbi Hillel, war wesentlich laxer. Sie fasste diese Bestimmung ganz im Sinne der männlichen Selbstherrlichkeit auf und sah das „Widerwärtige“ z. B. schon darin, dass die Frau eine schlechte Suppe gekocht hatte. Damit war die Bahn frei für eine große „Liberalität“ in der Eheauffassung, und es war den Männern, deren Rechte hier wieder einmal triumphierten, einfach gemacht, ihre Frau loszuwerden.

In einer solchen Situation besteht natürlich eine starke Unsicherheit für alle Ehefrauen, indirekt auch für den Mann: Die Frau wird entwürdigt, wenn der Mann sie leicht wegschicken kann und nur noch darauf achten muss, dass er formalrechtlich korrekt verfährt, dass also ein Scheidebrief ausgestellt wird. Jesus sagt dagegen: ,,Ihr seid zusammengefügt für ein ganzes Leben“.

Das gilt auch heute. Wenn ein Christ verstanden hat, was Jesus hier meint, und aufhört, bei dem ersten Streit zu sagen, leichtfertig oder trotzig: ,,Dann lass ich mich eben scheiden“, – wenn er einmal versteht, dass Jesus ihm diese Hintertür nicht offen lässt, dann ist er gezwungen, sich seiner Frau zuzuwenden, sich z. B. zu fragen, woher ein Missverständnis rührt, und um den Bestand seiner Ehe zu kämpfen. Hier liegt ein Grund für mich als Seelsorger, dass auch ich grundsätzlich um jede Ehe kämpfe. Kann sein, dass ich den Kampf verliere. Kann sein, dass ich am Ende einer Scheidung zustimmen muss, weil sie dann das kleinere Unheil ist, bevor die Ehepartner mit Stuhlbeinen aufeinander losgehen. Aber ich kämpfe um Ehen, weil ich weiß: Jesus hat gesagt, die Ehe soll nicht geschieden werden. Das bedeutet: Dies ist dein Platz, hier bewähre dich! Halte die Spannung aus! Pack den Konfliktherd an, sprich mit deinem Partner darüber. Sucht nach gemeinsamen Lösungen!

Und das andere: Wenn Jesus sagt: ,,Schon der begehrliche Blick, schon das Einbrechen in eine fremde Ehe mit den Augen macht dich schuldig“, weist er Menschen zurück auf ihre eigene Ehe, und er schützt die der anderen. Zur Verdeutlichung möchte ich sagen, dass Jesus nicht gelehrt hat: ,,Wenn du jemals eine schöne Frau siehst und von ihrem Anblick begeistert bist, musst du ein schlechtes Gewissen haben.“ Vielmehr ist das Wort für „Begehren“, das hier gebraucht wird, gemeint im Sinne der Gebotsreihe 2 Mose 20,17. Es bedeutet: ,,etwas durch unrechte Machenschaften in den eigenen Besitz bringen“. Hier ist also ein Begehren, ein begehrlicher Blick gemeint, der darauf abzielt. die Frau eines anderen an sich zu ziehen, eine Form des Flirts, der ausdrückt: ,,Komm doch zu mir!“, nicht die Freude an der Schönheit der Frau. Und natürlich ist hier auch nicht verboten worden, dass ein junger Mann ein unverheiratetes Mädchen sieht und sich vornimmt: Die will ich zur Frau haben! Vielmehr ist hier z. B. gemeint, dass derselbe junge Mann eine verheiratete Frau „ansieht“ in der Absicht, sie aus ihrer Ehe herauszulösen.

Damit wird noch einmal der Grundsatz deutlich: Du sollst nicht einbrechen in fremde Ehen; du sollst die Ehe der anderen schützen und deine Ehe achten! Wir halten fest: Jesus stabilisiert die Ehe, indem er zwei Menschen ganz aneinander verweist, damit sie die Möglichkeit gewinnen, ihre ganze Liebesenergie einem Partner zu schenken und ihn damit zu beglücken, um umgekehrt an Unstimmigkeiten oder Problemen zu wachsen und zu reifen.

Die eigentliche Gefahrenquelle: das menschliche Herz

Jesus deckt als eigentliche Gefahrenquelle für das Miteinander von Mann und  Frau das unerlöste menschliche Herz auf. Er sagt Mt 19,8: ,,Moses hat euch die Scheidung (nicht etwa: geboten, sondern) zugestanden um eurer Herzenshärtigkeit willen“. So steht es auch Mk 10,5. Damit ist uns eine wirklich tiefe Deutung ehelicher Probleme gegeben.

Jesus stimmt also nicht zu, wenn gesagt wird: ,,Hier haben wir es zu tun mit der Unverträglichkeit der Charaktere;“ oder: ,,Dieser Partner war mir eben nicht von Gott zugedacht.“ Ich hörte einmal einen älteren Mann, der schon zum zweiten Mal verheiratet war, sagen: ,,Mit meiner ersten Frau hat mich der Teufel zusammengefügt; mit meiner zweiten Frau hat mich Gott zusammengeführt.“ So hatte er das Problem seiner zweiten Ehe ganz elegant „gelöst“. Jesus sagt nicht entschuldigend: die Verhältnisse sind schuld, wenn Ehen auseinandergehen oder wenn sie geschieden werden müssen; sondern er sagt: „Euer hartes, unerlöstes Herz, eure gottlose Wesensmitte ist daran schuld.“ Der Störfaktor, die eigentliche Gefahrenquelle für die Ehe – ich würde hinzufügen, auch für das sonstige Leben mit der Geschlechtlichkeit und speziell mit der Sexualität – ist unser unerlöstes Herz. Darum geht es für das Neue Testament um geistliche Erneuerung und nicht um eine „menschenfreundlichere“ Moral der Ehe und der Sexualität.

Jesus verdeutlicht in diesem Wort Mt 19,8/Mk 10,5 noch nicht, wie es zur Erneuerung des Herzens kommt; aber er weist die Richtung. Umgekehrt: Wo der Heilige Geist sein erneuerndes Werk nicht tun kann, haben wir immer wieder mit Ehebruch und Ehescheidung zu rechnen!

Ehelosigkeit als Freiheit für Gott

Jesus lehrt uns, die Ehe als eine Lebensordnung des Schöpfers, er lehrt uns allerdings nicht, sie als ein absolutes Ideal zu verstehen. So sehr Jesus im Verheiratetsein Gottes Schöpferwillen am Werk sieht, so wenig gibt es für ihn eine Forderung, die eheliches Leben von jedem verlangte.

Jesus spricht auch von der Gnade der Ehelosigkeit. Mt 19,12 steht zu diesem Thema ein etwas rätselhaftes Wort: ,,Manche sind von Geburt an zu ehelichem Umgang unfähig, andere sind von Menschen dazu unfähig gemacht worden (Jesus denkt an die Kastration), und wieder andere haben sich selbst dazu unfähig gemacht um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es.“ Hier haben wir es mit einer der zahlreichen Stellen zu tun, an denen Jesus in einer unerhört drastischen Sprache von einem geistlichen Sachverhalt redet. Er spricht über eine Art geistliche Kastration. Er lehrt also nicht, dass ein Christ Hand an sich legen, sich selber verstümmeln soll, sondern er meint, dass jemand freiwillig, weil er so geführt wird, die Gnade der Ehelosigkeit auf sich nimmt, um ganz frei zu sein für die Belange des Himmelreiches.

Das bleibende Neue in Jesu Auffassung

Wenn wir von dem Punkt aus, den wir jetzt erreicht haben, noch einmal einen Rückblick halten, so wird deutlich: Bei Jesus ist etwas Bahnbrechendes geschehen. Das muss man aus dem Abstand von zweitausend Jahren so sagen, und zwar umso mehr, als man unsere derzeitige Situation im Blick hat. Jesus spricht hier als Willensoffenbarer Gottes. Er redet also nicht wie ein Weisheitslehrer. Er sagt nicht: ,,Macht das so, wie ich euch rate: das bewährt sich“; er geht nicht aus von einem Vergleich, indem er zunächst verschiedene Formen nebeneinander stellt, in denen geschlechtliches Leben sich abspielen oder Ehe sich gestalten kann und dann erklärt: dies ist die beste Form. Er argumentiert nicht pragmatisch von der Nützlichkeit, sondern von dem unbedingten, ursprünglichen, also bleibenden Willen des Schöpfers her. Ich halte dies für sehr wichtig. Das heißt: von allen möglichen Formen, in denen Männer und Frauen als Geschlechtswesen zusammenleben können (die Geschichte bezeugt uns hier eine große Variationsbreite von Gestaltungen), findet nur eine Jesu – das heißt Gottes – Zustimmung, nämlich jene Form der Ehe, die ich versucht habe zu beschreiben. Jesus hat ein klar umrissenes Eheverständnis für seine Gemeinde verbindlich gemacht. Können wir das akzeptieren, mit den Folgerungen, die sich daraus ergeben?

Aus heutiger Sicht fällt auf, dass es Jesus nicht allein auf die rechte Haltung ankommt. Er sagt also nicht: ,,Ich habe euch doch erklärt, dass die Liebe das oberste Gebot ist. Solange du, Mann, eine Frau wirklich liebst, bleib mit ihr zusammen. Wenn du dies nicht mehr willst oder kannst, ist die Grundlage für das Miteinander entzogen, dann löse die Beziehung auf“. Jesus geht also nicht von der Gesinnung, auch nicht vom Affekt, sondern, so seltsam sich das heute anhört, von einer Institution aus, von der Ehe nämlich, die Mann und Frau übergreift, in der sie sich wiederfinden, in der sie Halt und Geborgenheit bekommen auch gegenüber ihren eigenen Impulsen, die sie heraus drängen möchten. Jesus lehrt Ehe verstehen als eine Schöpfungsordnung, nicht nur als einen persönlichen Entschluss, mit dem ich mich zu einem Menschen bekennen und mich dann, wenn das nicht mehr möglich ist, von ihm lösen könnte. Auch Motive wie „Partnerschaft“ oder „Ernstnehmen des anderen“ sind hier im Ansatz nicht betont.

 

 

Jesus deckt als eigentliche Gefahrenquelle für das Miteinander von Mann und Frau das unerlöste menschliche Herz auf.

Jesus meint natürlich nicht, dass man, wenn man verheiratet sei, innerhalb der Ehe tun könne, was man wolle. Dagegen spricht eindeutig das Liebesgebot. Dieses Haus der Ehe, wenn ich einmal ein Bild gebrauchen darf, muss gewärmt werden, es braucht Wohnlichkeit, Bilder, Blumen. Aber was machen wir, wenn wir Tapeten und Stühle und Blumen und Bilder haben, aber kein Haus? Die Ehe als Schöpfungsordnung, so wie Jesus sie lehrt, ist ein Ort des Schutzes gegen menschliche Sündhaftigkeit, gegen den Wunsch nach Abwechslung und vieles andere. Selbst der Ausdruck: ,,was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen“, ist nicht im modernen Sinn gemeint. Heute wird dieser Satz oft so verstanden: „Diese Ehe ist einmal im Himmel beschlossen worden. Ich habe endlich den Partner entdeckt, den Gott mir schon immer zugedacht hatte. Und der ist nun der Richtige.“ Jesus hat das so nicht gemeint. Er hat sagen wollen: ,,Wenn du in einer gültigen Ehe lebst, dann darfst du und sollst du gewiss sein, dass du durch Gott mit dem Partner zusammengefügt bist aufgrund der Tatsache, dass ihr verheiratet seid.“

Noch einmal: es geht hier auch um Gesinnung, um Zuwendung, um diese personalen Akte, aber die Maßstäbe werden zunächst gesetzt von einer Schöpfungsordnung her! Diese Sicht Jesu ist für das ganze Neue Testament bestimmend geworden. Ich füge hinzu: auch für die spätere Christenheit! Man kann ziemlich genau sagen, bis zu welchem Zeitpunkt: Etwa um das Jahr 1960 ist – zumindest in Deutschland – ein Einbruch passiert, nach meiner Deutung am stärksten angestoßen durch ein neues Sexualverhalten, das mit der Verfügbarkeit der „Pille“ zusammenhing. Man hat in der Kirche zunehmend nicht mehr den Mut gehabt, die biblische Sicht theologisch zu vertreten, auch in der Seelsorge nicht. Nur sollten wir nicht behaupten, Jesus habe sich unklar ausgedrückt.

3. Die paulinische Sexualethik als Kommentar zu Jesu Aussagen

Ich möchte nun anhand der paulinischen Aussagen zeigen – der Apostel hat sich am breitesten im Neuen Testament mit Fragen des geschlechtlichen Miteinanders befasst -, wie Paulus hier zum Interpreten Jesu geworden ist, zum Kommentator seines Herrn nach dessen Auferstehung. Dabei wiederholt Paulus Aussagen, die Jesus schon gemacht hatte. Er wiederholt sie zum Teil unter ausdrücklicher Berufung auf Jesus. Ich nenne vier Punkte.

Paulus wiederholt Jesu Aussagen

Erste Beobachtung: Die Ehe ist für Paulus wie für Jesus eine totale, die Sexualität einschließende Lebensgemeinschaft. Der Apostel schreibt 1Kor 7,3-5: ,,Der Mann soll seine Frau nicht vernachlässigen, und die Frau soll sich ihrem Mann nicht versagen. Die Frau verfügt nicht über ihren Körper, sondern der Mann. Ebenso verfügt der Mann nicht über seinen Körper, sondern die Frau. Keiner soll sich dem anderen entziehen – höchstens wenn ihr euch einig werdet, eine Zeitlang auf den ehelichen Verkehr zu verzichten, um ungestört beten zu können. Aber danach sollt ihr wieder zusammenkommen; sonst verführt euch der Satan, weil der Trieb in euch mächtig ist.“

Paulus hat hier ein ungebrochenes Ja zur sexuellen Seite der ehelichen Lebensgemeinschaft ausgesprochen; er macht es geradezu zu einem Gebot, dass sich der Mann seiner Frau und die Frau sich ihrem Mann nicht entziehen; dahinter steht offenbar der neutestamentliche Grundsatz: Ihr sollt nicht an euch selbst denken, sondern an die anderen (1Kor 10,24). Hier ist, ohne dass es in Worten Ausdruck findet, eine von Liebe, von gegenseitiger Zuwendung bestimmte sexuelle Ehegemeinschaft gemeint. Und was ganz erstaunlich ist für Paulus, der sonst ja die Frauen ermahnt, sich ihren Männern unterzuordnen: für den sexuellen Bereich lehrt er keine Unterordnung, sondern an dieser Stelle können sowohl der Mann als auch die Frau Initiative und Führung ergreifen in wechselseitiger Unterordnung.

Zweite Beobachtung: Diese eheliche Lebensgemeinschaft ist unauflöslich. Das sagt Paulus in den Versen 10 und 11: ,,Für die Verheirateten habe ich eine verbindliche Vorschrift. Sie stammt nicht von mir, sondern von Christus, dem Herrn: Eine Frau darf sich nicht von ihrem Mann trennen. Tut sie es doch, so soll sie unverheiratet bleiben oder sich wieder mit ihrem Mann aussöhnen. Ebenso wenig darf ein Mann seine Frau fortschicken.“ Nun folgt in den Versen 12-16 noch ein Zusatz, der den Sonderfall anspricht, dass der ungläubige, der heidnische Teil auf einer Ehescheidung besteht. Für diesen Fall soll der Christ nicht seine Ehe einfordern. Das heißt, der Grundsatz der Unauflöslichkeit ist hier voll durchgehalten, und Paulus beruft sich dabei ausdrücklich nicht auf eine theologische Meinung, auch nicht auf den Heiligen Geist, der ihm das eingegeben habe, sondern auf Jesus Christus, den Herrn, das heißt offenbar, auf Worte des irdischen Jesus. Er zieht dabei eine vorgegebene Linie aus. Jesus hatte ja für Juden gesprochen und die Möglichkeit noch gar nicht erwogen, dass auch die Frau die Scheidung beantragen kann. Paulus schreibt hier an Griechen und muss so auch diese Möglichkeit bedenken, aber er lehnt sie ab mit der Autorität seines Herrn.

Dritte Beobachtung: Ehebruch ist bei Paulus wie bei Jesus gegen Gottes Willen. Ich nenne nur die Stellen Röm 2,22; 13,9; 1Kor 6,9.

Vierte Beobachtung: Ehelosigkeit um des Reiches Gottes willen ist für Paulus wie für Jesus eine Gnadengabe (1Kor 7,7), d. h. sie hat einen hohen Wert. Er würde sich wünschen, dass viele nicht heirateten. Aber er begründet das nicht etwa mit einer geistlichen Minderwertigkeit des Sexuellen, sondern er sagt – völlig mit Recht -, dass ein verheirateter Mann in ganz besonderer Weise, auch zeitlich und kräftemäßig, engagiert ist für seine Frau, für seine Familie, und dass ein Unverheirateter in einer andersartigen Freiheit für seinen Herrn lebt. Er selbst hat ein eheloses Leben geführt wie sein Herr Jesus Christus, und viele haben es nach ihm getan. Ich meine, gerade als evangelischer Christ sagen zu müssen, dass wir Protestanten häufig kritische, manchmal leider auch ironische Bemerkungen über ehelos lebende Menschen von uns gegeben, aber die tiefe Dynamik, die hier freigesetzt ist für Gott, vielfach gar nicht gewürdigt haben. Das war nicht gut.

Paulus interpretiert Jesu Aussagen

Paulus geht nun noch weiter. Er schließt sich nicht nur an Jesus an, sondern er führt das, was Jesus grundgelegt hat, auch an bestimmten Punkten weiter, das heißt, er zieht Linien aus. Paulus bezeichnet alle nicht-ehelichen Sexualbeziehungen als „Unzucht“ (porneia). Überall da, wo wir dieses Wort finden bei Paulus, liegt der Maßstab in der Nichtehelichkeit eines sexuellen Verhaltens. Das lässt sich anhand der Texte ganz eindeutig erweisen. Paulus könnte also nicht innereheliche Lieblosigkeiten auf sexuellem Gebiet als „Unzucht“ bezeichnen, sondern er gebraucht dieses Wort ganz präzise und meint damit nicht-eheliche Sexualbeziehungen. Wenn er sagt (1Kor 6,18): ,,Flieht die Unzucht“, so lehnt er nicht nur den Verkehr mit der Dirne ab, also den bezahlten Verkehr, sondern er stellt jeweils der Unzucht die Einehe gegenüber. Im christlichen Sinne gehört der Geschlechtsakt allein und ausschließlich in die Ehe (1Kor 7,1; 1Thess 4,3b und 4a). Ich bin mir bewusst, dass dies für manche die schwierigste Stelle des ganzen Referates ist.

Es ist nicht sachgemäß, dass wir uns an der Härte dieses Wortes „Unzucht“ stoßen und dann erklären: „Kann man denn die innige Liebe zwischen zwei Achtzehnjährigen, die für diese beiden auch den Geschlechtsverkehr einschließt, als ‚Unzucht‘ bezeichnen? Was für ein schmutziges Wort für eine so schöne und natürliche Sache!“ Hier geht es um Maßstäbe! „Unzucht“ bezeichnet das von Gott nicht Gewollte. Damit ist völlig klar, dass auch voreheliche sexuelle Kontakte nicht gottgewollt sind. Paulus hält seinen Grundsatz ganz folgerichtig durch. Er wendet ihn an a. gegenüber den Unverheirateten und Witwen und b. gegenüber den Verlobten.

a. Dafür wollen wir zunächst 1Kor 7,8-9 heranziehen: ,,Den Unverheirateten und Witwen sage ich: Es ist am besten, wenn sie meinem Vorbild folgen und allein bleiben. Aber wenn ihnen das zu schwer fällt, sollen sie heiraten. Das ist besser, als wenn sie von unbefriedigtem Verlangen verzehrt werden.“ Paulus sagt also nicht: dann sollen sie sich, wenigstens kurzfristig, ein Verhältnis gestatten, sie sollen aufgrund ihrer Sehnsucht nach Erfüllung ruhig einmal eine sexuelle Beziehung eingehen, auch wenn sie wissen, dass sie nicht auf Dauer sein kann. Vielmehr kennt er auch hier nur die Alternative: Heiraten, dann sexuelle Gemeinschaft; oder: unverheiratet bleiben, dann keine sexuelle Gemeinschaft.

b. Dieser Grundsatz wird nun aber auch angewendet gegenüber Verlobten (1Kor 7,36-38). ,,Wenn nun einer meint, er begehe ein Unrecht an seiner Braut, wenn er sie nicht heiratet, und wenn sein Verlangen nach ihr zu stark ist, dann sollen sie ruhig heiraten. Es ist keine Sünde. Wer aber innerlich so fest ist, dass er nicht vom Verlangen bedrängt wird und sich ganz in der Gewalt hat, der soll sich nicht von dem Entschluss abbringen lassen, seine Braut nicht zu berühren (also mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben). Wer seine Braut heiratet, handelt gut, aber wer nicht heiratet, handelt noch besser.“ Zu diesem Vers muss ich einige Erklärungen geben. Zunächst einmal zur Situation in Korinth: Diese Gemeinde lebte in einer starken Nah-Erwartung des Endes. Sie rechnete damit, dass Jesus Christus bald wiederkommen werde. Es gab in dieser Gemeinde asketische Tendenzen. Verlobte fragten sich: ,,Ist es überhaupt richtig, dass wir noch heiraten? Vielleicht kommt der Herr inzwischen wieder!“ Hier lag also eine Anfrage vor. Und Paulus antwortet: ,,Nein, heiraten ist durchaus Gottes Wille. Wenn ihr allerdings nicht heiraten wollt und nicht dazu gedrängt werdet, wenn ihr frei seid für Gott, halte ich das für den besseren Weg.“

Ich habe nun einfach behauptet, es gehe hier um die Beziehungen von Verlobten untereinander. Die „Gute Nachricht“, der die meisten neutestamentlichen Zitate des Referates entnommen sind, übersetzt diese Stelle in diesem Sinne. Sie ist lange Zeit anders gedeutet worden; manche haben gemeint, hier handele es sich um eine Anweisung an einen Vater, der eine verlobte Tochter hat und nun die Zustimmung geben solle, dass sie heiratet; andere wieder haben gemeint, hier gehe es um „geistliche Ehen“. Am häufigsten wird heute die Auffassung vertreten, dass hier von Verlobten die Rede ist.(In diesem Sinne übersetzt neben der Guten Nachricht auch die Einheitsübersetzung.) Für diesen Fall empfiehlt der Apostel einen letzten Schritt, nämlich in die Ehe hinein, wenn der verlobte Mann keine Macht mehr hat über sein Verlangen. Paulus erklärt also nicht: „Ihr seid doch verlobt, natürlich könnt ihr ‚im Notfall‘ auch sexuell miteinander verkehren“, sondern er sagt: ,,Wenn eure sexuelle Dynamik euch zu stark wird, dann tut mit Freude und getrost den Schritt in die Ehe hinein.“ Auch von daher ist ganz deutlich, dass Geschlechtsverkehr unter Verlobten von der Bibel her nicht legitimiert, sondern zurückgewiesen wird.

Ich meine, dass, wenn wir die Grundsätze verstanden haben, von denen her im Neuen Testament gedacht und argumentiert, gelehrt und ermahnt wird, wir dann auch bestimmte Konsequenzen ohne Mühe selber ziehen können.

4. Seelsorgerliches Schlusswort

Bei diesem brisanten und oft leidvollen Thema scheinen mir abschließend folgende Gesichtspunkte wichtig zu sein.

Erstens: wenn wir auch auf dem geschlechtlichen Sektor unseres Lebens aus der Kraft des Heiligen Geistes leben wollen, ist es zuerst wichtig, unsere Autonomie über dieses Gebiet preiszugeben und Gott zu bekennen: „Herr, ich will, was du willst. Ich möchte nicht mehr auf meinen Wünschen bestehen in der Hoffnung, dass du sie bestätigst. Ich bin auch an dieser Stelle bereit, Schritte des Gehorsams zu tun.“

Zweitens: Wir erleben dabei, dass Jesu Weisungen unbedingt, kompromisslos, ja hart sind, und dass ihr Ernstnehmen uns auch einmal wehtun kann. Dies soll offen ausgesprochen werden; es wäre unrealistisch, derartige Erfahrungen zu verschweigen. Wir haben es mit einem hohen Maßstab zu tun. Jesus legt Gottes Willen dar, er zeigt ihn in heller Deutlichkeit. Niemand kann sagen, er wisse nicht, was gemeint sei.

Drittens: Dies bedeutet auch, dass wir schuldig werden. Wer hier schuldlos zu sein glaubt, möge den ersten Stein werfen; er wird auf ihn zurückfallen. Es geht also nicht an, zu behaupten: ,,Hier ist ein klares, deutliches Ideal, das jeder erfüllen kann; warum habt ihr es nicht längst erreicht? Wer es nicht auf Anhieb schafft, den schließen wir aus.“ Ein solches Denken stände in unüberbietbarem Gegensatz zu Jesus und zum Neuen Testament, wo von der vergebenden Gnade Gottes her gelebt wird.

Andererseits ist mir folgendes wichtig: Wenn wir die Maßstäbe, wie es heute oft geschieht, so heruntersetzen, dass jeder das tun kann, was er immer schon wollte, wird es sinnlos, von Schuld zu sprechen. Als schuldig können sich Menschen nur dort erfahren. wo ein Maßstab vorhanden ist, der deutlich gesagt und auch anerkannt wurde. Wenn wir unsere Sexualität beliebig ausgestalten können, in der sicheren Erwartung, dass Gott irgendwie schon „Ja“ dazu sagt, dann sind wir schon gerecht, dann brauchen wir nicht mehr durch Gnade gerecht gesprochen zu werden.

Viertens: Daraus ergibt sich weiter, dass bei diesem Thema immer auch Seelsorge angeboten werden muss. Denn selbst wenn die Grunderkenntnis klar war, muss sie doch in das einzelne Leben transponiert, auf die spezielle Situation bezogen werden, und das Ganze muss in einer Atmosphäre des Angenommenseins, der Liebe, des Verstehens geschehen. Gerade bei jungen Leuten ist der berühmte Zeigefinger absolut unangebracht. In der Seelsorge kann man auch Leid, das hier erfahren wurde, abladen: Es kann Heilung geschehen, innere Heilung, und die ist sehr nötig! Vor allem kann Schuld bekannt und Vergebung im Namen des gekreuzigten Christus zugesprochen werden.

 

Wer hier schuldlos zu sein glaubt, möge den ersten Stein werfen; er wird auf ihn zurückfallen.

Fünftens: Wir strecken uns neu aus nach der Kraft des Heiligen Geistes, wenn wir das Besprochene ernst nehmen, und sie wird uns dann auch gegeben, manchmal in einem Glaubensleben mit Rückschlägen. Es gibt Leute, die wiederholt, auch als Christen, an dieser Stelle schuldig, auch grob schuldig werden. Aber wir erfahren, dass uns Kraft zufließt, soweit wir uns dem Heiligen Geist öffnen, mit unserer Geschlechtlichkeit so fertig zu werden, dass wir sie beherrschen.

Schließlich: Wer hier Gehorsam lernt, macht die Erfahrung großer Freiheit. Es ist einfach nicht wahr, dass, wer mit dem Wort und aus dem Geist Jesu lebt, verklemmt, ein Verzichtleistler, ein Leisetreter würde. Vielmehr führt ein solches Leben zu einer Stabilisierung der körperlichen Gesundheit, der nervlichen Belastbarkeit, der seelischen lntaktheit, und es vermittelt das Empfinden, Herr zu sein im eigenen Haus. Jesus ist ein Mann von größter Freiheit gewesen. Der Apostel Paulus, der offenbar ehelos gelebt hat, strahlt Vitalität aus, und junge Paare, die etwa vor der Ehe Jesu Anweisungen wirklich auf sich beziehen, erleben ihre Gemeinschaft tiefer als im umgekehrten Fall.

Auch hier geht es letzten Endes um die Frage des Vertrauens: „Herr Jesus Christus, kann ich dir das abnehmen, dass du mein Leben nicht verarmen lässt, wenn ich dir gehorche, sondern dass ich mehr Freude, mehr Kraft, tiefere Erfüllung erfahre, und kann ich dir das glauben, dass sich dann sogar andere Menschen an mir orientieren werden?“

Vortrag, zuletzt überarbeitet Oktober 2010

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