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Mit Wundern rechnen:

Regeln für das Gebet um Heilung

 

Ich hatte gesagt, dass es für Christen nur einen Wunderheiler gibt, nämlich Jesus Christus. Allerdings heilt er normalerweise durch Gläubige. Wir können es Menschen erleichtern oder erschweren, mit seiner heilenden Gegenwart zu rechnen, zumal das ganze Gebiet ja noch immer heiß umstritten ist, Die folgenden 7 Regeln sollen auch dazu helfen, dass allmählich Vertrauen wächst.

 

1. Den ganzen Menschen sehen

Wer für Kranke betet, steht in Gefahr, einseitig gegen die Symptome anzugehen. Denn die Symptome sind es ja, die dem Leidenden Schmerzen oder Behinderung seines Lebens eintragen. Sie möchte er loswerden, und das ist nur zu verständlich. Nun ist es schon rein medizinisch nicht geraten, einfach Krankheitssymptome zum Verschwinden zu bringen. Ein vorhandenes Symptom kann ja Zeichen eines tieferliegenden Krankheitsproblems sein.

Die Psychosomatik hat seit Jahrzehnten deutlich gemacht, dass psychische Probleme die körperlichen Funktionen in Mitleidenschaft ziehen. Wir wissen heute, dass ein schwer abschätzbarer, aber riesiger Teil aller gesundheitlichen Leiden seelisch bedingt ist. Aber nicht nur die Psyche wälzt ihre unbewältigten Probleme auf den Körper ab, auch geistige Krisen können krank machen. Wer keinen Sinn in seinem Leben findet, dessen Gesundheit ist ebenfalls bedroht (Viktor E. Frankl). Für die christliche Sicht tritt schließlich hinzu, dass eine gestörte Gottesbeziehung sich bis ins Körperliche hinein schädigend auswirken kann. Was ergibt sich daraus für die geistliche Krankenheilung? Wir müssen immer den ganzen Menschen sehen, wenn wir für Kranke beten. Es geht, anders gesagt, nicht um Reparaturen kranker Körperstellen, sondern um Gesundung der Person. Ich gebe gern zu, dass diese Einsicht den Heilungsdienst nicht gerade vereinfacht. Aber die Wirklichkeit ist auch sonst nie „einfach“.

 

2. Keine Versprechungen machen

Zwei Dinge sind zu unterscheiden: einmal Gottes Bereitschaft, Heilung zu schenken. Sie ist durch die Sendung Jesu ein für alle Mal manifestiert worden, denn Jesus heilte ohne Ausnahme alle, die krank zu ihm kamen oder gebracht wurden; dann das Versprechen, dass Gott aufgrund eines bestimmten Gebets eine bestimmte Person bis zu einem bestimmten Zeitpunkt heilen werde. Ich leugne nicht, dass Gott grundsätzlich einem Beter die Gewissheit geben kann: „Ich werde diesen Kranken auf der Stelle vollkommen heilen“, und dass der Beter dies dann auch dem Leidenden einmal sagen darf. Nur sprechen Negativbeispiele eine beredte Sprache! Falls der Beter sich nämlich verhört hat (weil er in seiner Liebe zu dem Leidenden so sehr wollte, dass dieser gesund wird) und der Kranke krank bleibt oder stirbt, sind schlimmste Folgen abzusehen. Am besten ist es zu sagen: „Wir bitten Jesus Christus jetzt um Heilung. Was danach geschieht, liegt in seinen Händen.“

 

3. Keinen Druck ausüben

Das Problem liegt nicht in der Absicht! Sicherlich will niemand, der als Christ für Kranke betet, die Leidenden in irgendeiner Weise bedrücken. In der Praxis kann dies jedoch geschehen. Nach der Darstellung der vier Evangelien hat Jesus sehr häufig einen Zusammenhang zwischen erfahrener Heilung und dem erwartenden Glauben des Menschen aufgezeigt. Ich spiele an auf Sätze wie: „Dir geschehe nach deinem Glauben“ oder „Dein Glaube hat dich gerettet.“  Es ist also nicht angemessen, diesen Zusammenhang einfach zu bestreiten, indem man etwa sagt, Gott in seiner Weisheit lasse sowieso geschehen, was er für richtig halte; daher spiele der Glaube des Menschen hier praktisch keine Rolle. Bedrückung entsteht allerdings, wenn einem Menschen, für den wiederholt um Heilung gebetet wurde, der aber (noch) krank geblieben ist, daraus ein Vorwurf gemacht wird: Wenn du (mehr) geglaubt hättest, wärest du jetzt gesund. In einem solchen Falle muss man statt des ursprünglichen „einfachen“ von einem dreifachen Leiden des Kranken sprechen: Er leidet wie bisher an seiner Krankheit, muss aber zweitens mit der Enttäuschung fertig werden, dass die Gebete ihm (noch) nicht geholfen haben, und soll sich nun auch noch – drittens – schuldig fühlen, was häufig genug dann auch passiert ist. Das Heilungsgebet kann nur gesund wachsen, wenn zwar ständig zum Vertrauen in die heilende Macht Jesu Christi eingeladen wird, wenn aber daraus nicht eine schuldig sprechende Forderung abgeleitet wird. ist  Die Kranken müssen im Gegenteil mit herzlicher Liebe umgeben, „getragen“ werden.

 

4. Gott nicht einschränken

Aus christlicher Sicht ist geistliche Krankenheilung nicht Machtausübung, wie wir bereits sahen, sondern Gebetsdienst. Gebete werden von einem souveränen Gott souverän beantwortet: manchmal sofort, manchmal schlagartig, aber zu einem späteren Zeitpunkt, manchmal schrittweise, manchmal gar nicht. Es ist wichtig, das Wie einer Gebetserhörung immer also auch auf diesem Gebiet – Gott zu überlassen.

 

5. Mit Ärzten zusammenarbeiten

Gelegentlich sagen Christen: „Ich gehe zu keinem Arzt mehr. Mein einziger Arzt ist Jesus Christus.“ Nach dieser Sicht gilt der Dienst der Ärzte nur den Ungläubigen. Ich kann eine solche Auffassung im Neuen Testament nicht finden. Außerdem habe ich den grundsätzlichen Verdacht, dass Leute, die solche Parolen vertreten, psychische Probleme haben (u.a. Angst vor Ärzten). Was ist, wenn Menschen, denen man eine derartige Unterweisung gab, dann doch frühzeitig sterben? Ich denke hier gar nicht in erster Linie an die rechtlichen Probleme (Anklage auf unterlassene Hilfeleistung). Aus theologischen und praktischen Gründen habe ich immer für ein Zusammenspiel von ärztlichem und geistlichem Heilungsdienst plädiert und damit ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht.

Das Heilungsgebet kann nur gesund wachsen, wenn daraus nicht eine schuldig sprechende Forderung abgeleitet wird.

Das gilt besonders dann, wenn die Ärzte Christen sind und den geistlichen Heilungsdienst selber anerkennen oder sich sogar in ihm engagieren. Ich bete ungern für Leute um Heilung, die bewusst einer vorherigen ärztlichen Diagnose ausweichen. Umgekehrt kann es allen Beteiligten nur helfen, wenn ärztliche Atteste eine Glaubensheilung nachträglich bestätigen.

 

6. Aufrichtigkeit walten lassen

Die Art, wie Gläubige von erlebten Heilungen erzählen, muss von geradezu präziser Genauigkeit sein. Jede Ausschmückung, alle Übertreibungen steigern nicht etwa die Erwartung an Gott, sondern wecken früher oder später Misstrauen. Wir sollten jederzeit „die Karten auf den Tisch legen“. Auch Nichtheilungen müssen ehrlich zugegeben werden. In einem solchen Klima der Aufrichtigkeit kann Wachstum geschehen. Auch kritische Fragen der Skeptiker brauchen uns nicht in Verlegenheit zu bringen. Wir wissen doch, dass Gott seine Kinder so akzeptiert, wie sie sind, also auch uns Anfänger im Heilungsdienst!

 

7. Aus Erfahrungen lernen

Das ganze Gebiet ist riesig. Alle Theorien, die nicht dem Praxistest ausgesetzt wurden, haben hier keinen sehr hohen Nutzwert. Es ist wichtig, fortgesetzt zu lernen – am allermeisten, Gott immer stärker zu vertrauen. Heute geschehen in christlichen Gemeinschaften und Gemeinden wieder unzählige Heilungswunder: von spürbaren, aber medizinisch unerwarteten Beschleunigungen „natürlicher“ Heilungsprozesse bis zu Spontanheilungen bei Kranken im Endstadium. Die Qualität der neutestamentlichen Heilungserfahrungen liegt allerdings noch vor uns.

 

Aus: Kopfermann, Wolfram: Farbwechsel. 2. Auflage. Mainz-Kastel: C & P Verlags-GmbH 1991.
Seite 172-176

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